Schnee, Sonne, Stille, Sauna — Wintertraum in Lappland

FINNLAND: Mit Rentieren, Huskies und auf Langlaufskiern durch endlose Wälder und über zugefrorene Seen / Urlaub für Individualisten, die Ruhe suchen


Mein Rentier heißt nicht Rudolf, sondern Jöro, und es hat auch keine rote Nase, dafür ist es an seinem halben Geweih gut zu erkennen. Jöro kann am Tag bis zu 60 Kilometer laufen und dabei rund 300 Kilogramm ziehen. Im Augenblick zuckelt es jedoch nur mit dem Schlitten, auf dem ich sitze, fünf Kilometer weit durch den verschneiten finnischen Wald zum Eisfischen an einen der vielen Seen. Das Tier gehört Markku Rauhala, der mich vorsorglich darauf hingewiesen hat, Rentiere nicht zu streicheln. Das sei für sie unangenehm, isolieren doch die dichten Haare gegen die knackige Kälte. Zum Streicheln komme ich allerdings erst gar nicht, denn Jöro geht, kaum dass die Zügel gelockert werden, ab wie die Post. Ich rufe "Ho, ho!" wie Santa Claus, aber erst nach einigen hundert Metern fällt meine Zugmaschine vom Galopp in einen gemütlichen Trab. Jetzt gleitet eine traumhaft stille Winterlandschaft an mir vorbei.

Woran erinnert diese Ruhe? In seinem Roman "Timeline" schickt Bestseller-Autor Michael Crichton einige Wissenschaftler mit einer Zeitmaschine zurück ins tiefe Mittelalter. Nach ihrer Landung auf einer Lichtung in Frankreich sind sie verstört: "Was stimmt hier nicht?" Sie lauschen. Nur der Wind raschelt in den Blättern, einige Vögel zwitschern. Kein Laut der Zivilisation dringt an ihr Ohr: "Es gibt keinen Umweltlärm, kein Radio, kein Fernsehen, Keine Maschinen, keine Autos. Im 20. Jahrhundert sind wir so an Dauerlärm gewöhnt, dass diese Ruhe unheimlich wirkt", schreibt Crichton. Und das ist hier jenseits des Polarkreises kaum anders. Man hält für einen Moment inne und hört nur seinen eigenen Atem.

Lappland heißt Stille pur - es sei denn, ein Same (so nennen sich die Bewohner Lapplands, das finnische "Lappe" ist verpönt) düst gerade mal mit seinem Motorschlitten, diesen stählernen Rentieren der Neuzeit, auf einer Schneepiste vorbei. Selbst im einsamen Norden schreitet der mobile Fortschritt voran. Die Samen - das ehemalige Nomaden-Volk besiedelte einst Wälder und Weiden - sind eine finnische Minorität. Nur 200 000 Menschen leben verstreut in Lappland. Auch die Mode ist vom Tribut an die Moderne nicht verschont geblieben. Außer an Festtagen und zum Kirchgang laufen die Samen nicht mehr in ihrer farbenfrohen Tracht herum. Gewöhnlich setzen sie sich in Thermo-Kleidung auf einen dieser Schneescooter und kommunizieren im Nokia-Land übers obligatorische Mobiltelefon. die warmen Fellschuhe der Altvorderen mit der nach oben gebogenen Spitze sieht man bloß noch in den Souvenirshops. Aber die Rentiere, das Wahrzeichen Lapplands, die sind nach wie vor da. Sie liefern Fleisch und Milch für die Samen. Die Rentierherdenzucht ist einer der wichtigsten Wirtschaftszweige des Landes. Und sogar für die Touristen werden die halbzahmen Tiere eingespannt - das kann man durchaus wörtlich nehmen.

Eigentlich heißt "lappi" im Finnischen das "öde Land" im Norden, das Grenzland. Aber für uns Mitteleuropäer sind gerade Ruhe und Einsamkeit das Beeindruckendste - und dieser tiefe Himmel über einer weiten Landschaft, die sich schier endlos mit dem Horizont vereinigt. Auf dem ganzen Kontinent gibt es keine so riesige zusammenhängende Fläche Natur. Lappland gilt als eines der letzten großen Bioreservate Europas. Luftverschmutzung ist ein Fremdwort: Nirgendwo atmet man eine so saubere Luft wie hier. Und wenn es schneit, wenn die kalte, reine Polarluft hereinströmt, dann tanzen die Flocken so pulvertrocken, als würde Frau Holle feinste Daunen ausschütteln. Lappland ist ein Land für Natur-Genießer. Wer den echten Winter sucht, wer sich in sterneklaren, beißend frostigen Nächten von den magischen Kräften des Polarlichts, diesem grandiosen Himmelsfeuerwerk, ins Mystische entführen lassen will, der findet hier seinen Frieden. Im Dezember wird die Landschaft am Tag in ein unwirkliches diffuses Licht getaucht, im April kann man schon ein Sonnenbad nehmen und bis halb zehn Uhr abends noch ohne künstliches Licht lesen. Im Juli will der Tag kein Ende nehmen und die Sonne einfach nicht untergehen. Und wenn sie es dann im Herbst wieder tut, macht sie es so schön, als habe die Natur ihre hübschen Reize von den kitschigsten Ansichtskarten abgekupfert.

Lappland ist ein Reiseziel für Individualisten, denen überfüllte Wintersportorte ein Gräuel sind und die lieber in die finnische Sauna gehen als zum lärmigen Après-Ski. Natürlich gibt es auch ordentliche Abfahrten wie beispielsweise im alpinen Skizentrum Levi nahe Kittilä in Westlappland. Aber so richtig auf ihre Kosten kommen vor allem die Langläufer. Ein mehrere hundert Kilometer langes Netz zieht sich übers Land. Von unserem Quartier aus, etwa in der Mitte zwischen Ankunftsflughafen Kittilä und der an der Grenze zu Schweden gelegenen Stadt Muonio, drehen wir unsere Runden auf einsamen Loipen, die streckenweise eisgepanzerte Seen queren. Die wenigen "Mitläufer", die man unterwegs trifft, kann man an einer Hand abzählen. Gleich, in welchem Hotel, Blockhaus oder Hüttendorf man wohnt - es führt immer irgendeine Langlaufloipe vorbei.

Natürlich steht auch Eisfischen, der Lieblingssport urlaubender Finnen, auf dem Programm. Eine kleine Angel wird dabei über ein schmales Loch in der dicken Eisschicht gehalten. Von den Barschen und Hechten, die man so angeblich fangen kann, sehen wir indes wenig. Man braucht Geduld. Gelegentlich entdeckt man auch größere Löcher im Eis. Darin kühlen sich die Finnen nach der Sauna ab. Zum Urlaubsangebot zählen schließlich noch das Wandern mit Schneeschuhen und, reichlich flotter, die beliebten Motorschlittensafaris durch die Wildnis, durch Kiefer-, Fichten- und Birkenwälder - inklusive Lagerfeuer, Rentiereintopf und einem Hauch Abenteuer.

Zugegeben, ich fahre lieber mit natürlichen Zugtieren. Zur Abwechslung heißen sie jetzt Phantom, Taco, Django, Pepsi klein und Pepsi groß. Keine Rentiere, sondern fünf Alaska-Huskies, die zum Herzerweichen heulen, wenn sie im Geschirr stehen. Mit Power ziehen sie meinen Schlitten durch den gleißenden Schnee. Die Huskies gehören Frank Siehler, einem Stuttgarter, der vor Jahren die erste deutsche Schlittenhundeschule im Bayerischen Wald gründete und inzwischen in Lappland lebt. Frank wünscht sich, einmal am berühmten "Ididarot", dem 1800 Kilometer langen Alaska-Trail, teilzunehmen. Diesen Traum finanziert er sich mit Husky-Ausflügen für Lappland-Urlauber. Siehlers flinke Hunde - er besitzt insgesamt über 40 - rennen so schnell, als seien sie gedopt. Und ich stehe als ihr "Musher", der auch gleichzeitig das Alpha-Tier für die Huskies ist, hinten auf den Kufen des Schlittens. Rufe diesmal nicht "Ho, ho!" wie der Weihnachtsmann, sondern "links", "rechts" oder "geradeaus". Die Hunde hören aufs Wort (bilde ich mir ein). An mir gleitet wieder die tief verschneite Winterlandschaft Lapplands vorbei. Was brauche ich da Alaska?


INFORMATIONEN:

Anreise: Linienflüge mit FINNAIR oder SAS via Helsinki nach Kittilä. Von dort 40 Autominuten Transfer. Alternativ: Fähre bis Helsinki, Weiterfahrt im (Autoreise-) Zug bis zum 35 Kilometer entfernten Kolari (11 Std. 18 Min.). Winterausrüstung am Fahrzeug Pflicht.

Die Saison reicht von 15. November bis zum 30. April. Januar ist der kälteste Monat mit durchschnittlich minus 15 Grad Celsius. Wegen der trockenen Luft erschient die Kälte jedoch weniger streng, als es das Thermometer anzeigt.

Weitere Infos bei:
Finnische Zentrale für Tourismus
Lessingstraße 5
60325 Frankfurt/Main

Telefon: 069/50 07 01 57
e-Mail: finland.info@mek.fi